Geschwisterliebe

"Ich hasse dich", schreit Leon zornig. Sein puterrotes Gesicht gleicht dem des Teufels.
"Jetzt blase dich doch nicht wieder so auf", merkt Hannah arrogant an.
Leon holt tief Luft "Ich blase mich nicht auf."
"Es War schon immer mein Stift und wird auch immer meiner bleiben." Damit hatte sie die Fronten geklärt. Erbost rennt Leon in sein Zimmer und schreit unermüdlich wie gemein das alles ist und wie sehr er Hannah hasst. Sie hingegen sitzt gewinnend auf ihrem Drehstuhl und kaut auf dem Ende des gelben Buntstiftes herum.
"Hannah!" Hört sie ihre Mutter durch die Wohnung brüllen. Erschrocken zieht sie den Kopf ein.
"Scheiße", flüstert sie und widmet sich den Hausaufgaben.
Die schweren Schritte werden immer lauter.
"Was hast du schon wieder mit Leon gemacht? Wieso könnt ihr euch nicht vertragen, dass ist zum verrückt werden!" Poltert ihre Mutter.
"Ich hab doch..", versucht Hannah sich zu retten.
"Keine Ausrede mehr. Entschuldige dich."
Uneinsichtig verschränkt das junge Mädchen ihre Arme und schmollt. Im Augenwinkel sieht sie Leons gehässiges Lachen.
"Schuldigung", nuschelt sie.
"Ich hab dich nicht verstanden", ärgert Leon weiter. Hannah springt aus ihrem Stuhl und jagt Leon durch die Wohnung. Ihre Mutter sieht verzweifelt diesen zwei Zankhähnen hinterher und schüttelt entmutigt den Kopf. Dann hört sie einen lauten Knall und rennt ins Wohnzimmer. Leon ist auf den Hocker geknallt und über seinem rechten Auge klafft eine Platzwunde. Hannah hält ihren Bruder fest im Arm und beruhigt den vor Schmerz weinenden Leon.
"Alles wird gut, ich bin bei dir", flüstert sie liebevoll in sein Haar.
Keine halbe Stunde später liegt Leon bereits im OP-Saal und wird versorgt. Währenddessen sitzen eine schuldbewusste Hannah und ihre besorgte Mutter im Wartezimmer.
Pure Freude überkommt ihre Gesichter als sie den tapferen Leon mit einem grünen Pflaster über seinem Auge wieder in die Arme schließen.
"Es tut mir so leid Leon. Ich hab dich Lieb." Er kuschelt sich in Hannahs Arme und lächelt, dankbar für die tollste große Schwester der Welt.

Mama ist heute Prinzessin

 Aufgeregt stehen alle drei vor mir.
"Mama! Mama! Ich will die Erste sein", ruft Frieda.
"Oh man, warum immer du?", protestiert Sarah.
"Na weil ich die Älteste bin", macht Frieda ihren Standpunkt klar.
Mara sitzt derweil in der Pferdeecke des Zimmers und belächelt diesen lächerlichen Streit.
Verzweifelt versuche ich die Diskussion zu schlichten, doch meine raue Stimme übertrifft das Quietschen meiner Töchter bei weitem nicht.
Da bemerke ich ein zartes Klopfen auf meinen Schultern und kleine Hände umkreisen mein Ohr. Ich höre das leise Flüstern von Mara und lächel stolz.
"Komm Mama, ich schminke dich wie eine Prinzessin."
Ich genieße den kleinen Komplott mit meiner jüngsten Tochter und drehe mich leise zu ihr. Maras Augen funkeln vor Freude und ihre kleinen Finger packen den Glitzerlipgloss aus.
"Du bist wunderschön Mama", sagt sie für alle hörbar, sodass Sarah und Frieda nur noch das Endresultat bestaunen können. 

Angst vor dem Feuer

Alba sitzt vor dem kleinen Kürbis.
Es war Merlins erste, nennen wir es, handwerkliche Selbstverwirklichung.
Sonst nimmt er bei jeder noch so kleinsten Gelegenheit seinen Zauberstab und lässt seiner Magie freien Lauf...
Doch da flackert das Licht des Teelichts durch die ausgehöhlten Schlitze, die liebevoll von Merlin geschnitzt wurden.
"Danke", säuselt sie verträumt.
"Für meine Liebste mache ich doch alles", verkündet er stolz.

Alba hatte eine schwere Kindheit. Sie verlor ihre gesamte Familie bei einem Feuer. Eines Nachts brannte das Haus lichterloh, nur Alba stand in ihrem Teddybärenschlafanzug, tränenverschmiert neben dem stämmigen Polizisten und schrie ihre Verzweiflung in die Nacht. Eine Nacht bei den Pferden rettete ihr buchstäblich das Leben.
Bis vor wenigen Tagen hatte sie unglaubliche Angst vor Feuer. Freunde, wenn man sie so bezeichnen kann, nannten sie hinter vorgehaltener Hand bereits Frankensteins Monster. Doch Merlin nahm ihr die Angst.
"Ich zeige dir, dass Feuer auch eine schöne Seite hat." Er zeigte ihr die Wärme, den Glanz und zu guter Letzt die tanzenden Bilder, die Feuer projiziert.

"Es kann also auch Freude machen", sinniert Alba mit dem Kopf müde auf ihren Armen liegend. Sie gähnt und legt ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen.
"Das ist besser, als jeder Zauber", flüstert Merlin und gibt ihr einen weichen Kuss auf die Stirn.

Weihnachten

 Endlich Weihnachten, endlich besinnliche Zeit😊 Liv steht vor dem hell erleuchteten Weihnachtsbaum und erinnert sich an die Zeit, als sie ein kleines Mädchen war. Der Duft von frischem Nadelholz und Bratwürste, die in der Pfanne vor sich her braten. Ihr Vater spielte immer urige Weihnachtslieder vom Schallplattenspieler ab. Es war eine unbeschwerte und harmonische Stimmung. Die Weihnachtszeit hatte stets die richtige Menge an Spaß, Spannung und Zusammensein.

Heute ist Liv sechsunddreißig und hält die Hand eines kleinen Mädchens. Ihr Haar ist blond und zu einem langen Zopf geflochten. Ihre Augen strahlen bei den Lichtern, die vor ihr aufleuchten.
"Mama? Wird unser Weihnachtsbaum auch so hell leuchten?"
Liv drückt ihre Hand und geht auf Augenhöhe ihres Kindes.
"Er wird noch viel heller strahlen!"
Marisa umarmt ihre Mutter mit so viel Liebe, dass es ihr Tränen in die Augen treibt.
"Wird Papa auch bei uns sein?" Flüstert Marisa.
"Papa hilft den Menschen, die dringend Unterstützung benötigen. Er ist ein Held und rettet das Leben kleiner frecher Mädchen, wie du eines bist, dafür müssen wir beide an dem Abend ein wenig zurückstecken."
Sie ist traurig. "Ich will Weinachten nicht ohne Papa feiern."
"Das verstehe ich Schatz. Ich glaube, ich habe da eine Idee."
Marisas Augen staunen "Was denn Mama?"
"Komm, wir backen Plätzchen, bringen sie Papa und schauen uns mal seine Arbeit an."
Freudig zieht Marisa an Livs Arm und kann es kaum erwarten die Plätzchen an Papas Arbeitsplatz zu bringen. 

..."nur noch einmal!"

Wieder klettert Vivi auf den Rücken ihres Papas und jauchzt vor Freude.
Vivi ist heute eine Squaw und reitet durch die Prärie auf dem Rücken eines wilden Pferdes.
Mit etwas Glück wird sie die Herde Wildpferde wieder zusammentreiben können. Ihr Körper wird heftig durchgeschüttelt, doch sie hält sich im Sattel wie ein Profi. Plötzlich bleibt ihr treues Ross wie angewurzelt stehen und schnauft völlig atemlos.
"Was hast du?" Vivi streichelt sanft den langen Hals entlang und beruhigt das Pferd. "Hast du sie gefunden?" Als wenn es sie versteht reckt es seinen Hals in die Ferne des Landes.
Weit hinaus, kaum mit dem Auge zu erblicken, erhascht die kleine Squaw einen Blick auf das wertvollste Vollblut, welches direkt am Abhang eines Felsens steht, bedroht durch ein mächtiges Bison.
"Wir müssen sofort helfen", weist sie ihr Pferd an.
Wie ein perfekt eingespieltes Team reiten sie durch die Steppe.
Mit dröhnend lauten Rufen versucht sie das Bison zu verjagen, aber wird sie es rechtzeitig schaffen?

"Nochmal Papa, nochmal!"
Vivi liegt lachend auf dem Boden, über ihr das Gesicht ihres Papas, der verliebt das bezaubernde Lachen seiner Tochter inhaliert.

Farben erkennen

 Der süße Duft von Kaffee steigt in meine Nase. Wie jeden Morgen singt der kleine Spatz, auf dem Baum neben meinem Fenster, sein Aufstehliedchen. Eine laue Frühlingsbrise huscht durch mein halb offenes Fenster. Der gelbe Feuerball lässt die Knospen der farbenfrohen Blumen aufgehen, lila Krokose, Schneeglöckchen, Löwenzahn und verschiedenfarbige Tulpen erblühen aus der braunen Erde. Die Vögel zwitschern ihre Lieder und bauen sich Ihre Nester. Nach endlosen 6 Monaten düstere Winterzeit hat der Frühling sich seine Position zurück erkämpft. Die Menschen gehen wieder raus, grillen, baden, sonnen sich und sind endlich wieder besserer Laune. Es ist Frühling!
Ich lasse die Augen zu und genieße den friedlichen Moment.

Ich schlaf wieder ein und träume mich auf ein Feld voll mit blauen, gelben, roten, weißen, rosa- und lilafarbenen Blumen. Der Horizont spiegelt ein Feuerwerk aus gelben und roten Farben wieder. Ich sehe die Dünen mit Ihren wehenden, hochgewachsenen, grünen Gräsern und setze meine Füße behutsam in den heißen, feinen, schwarzen Sandstrand der mich direkt in die kalten Fluten des erhabenen kristallklaren Meeres führt. Ich schwimme so lange und so weit, bis meine Arme mich nicht mehr tragen können. Ich versinke in den blauen Tiefen.... 
 Als nächstes träume ich mich in ein fernes Land. Dort sind gefühlte 40 Grad und die Luft ist feucht. Brunnen mit Statuen aus denen kleine Wasserfontänen spritzen, zieren die Straßen. Überall sind Menschen in komischen bunten und glitzernden Gewändern. Ich wandere die engen Gassen entlang und komme an einen großen Platz. Da stehen Frauen, Kinder, Männer alle mit dunkler Hautfarbe und haben weiße Stoffbeutel in der Hand. Auf dem Podest steht eine Frau in einem orangenen Stoff gewickelt und pustet mit voller Kraft in eine Pfeife. Die Menschen lachen und werfen Stoffbeuteln in die Luft. Mitten im Flug platzen Sie auf und das bunte Pulver rieselt auf die Menschen nieder. Die Farben werden undefinierbar, einige davon scheine ich gar nicht zu kennen. Ein Regenbogen!
Plötzlich ertönt dieser schrille Ton des Weckers und zieht mich brutal aus meinem Träumen.
Es war so schön dem Alltag zu entkommen und in eine mir fremde Welt einzutauchen. Ich sträube mich die Augen zu öffnen, ich will diesen Hauch voll Leben und saftiger Farben nicht verlieren.
Ich taste mich zum Spiegel…
Setze mich auf den Stuhl…
Atme tief ein…
Und öffne die Augen…
Dunkelheit! 

Kompliziert

„Kannst du eigentlich auch einmal was richtig machen?“ schreit Susan.
Connors Gesicht ist puterrot, er holt tief Luft und plustert sich auf.
„Ich bin hier der einzige der überhaupt was hinkriegt, also halt mal die Luft an!“
Mit diesen Worten reißt Connor die Tür auf, sieht Susan unverständlich an und knallt die Tür hinter sich zu.
Draußen ist es kalt, bestimmt Minus elf Grad, die Straßenbeleuchtung wird von der überzogenen Weihnachtsdekoration übertrumpft. Keine Menschenseele ist auf der Straße, kein Wunder, schließlich ist Heilig Abend. 
Erst einige Minuten später bemerkt er seine klatschnassen Füße. In der ganzen Aufregung stiefelte er samt Hausschuhe in den kalten Schnee hinaus. Gerade will er umdrehen um die Schuhe zu tauschen, da greift er in seine leere Jackentasche. Schlüssel vergessen!
„Kann der Tag heute noch schlimmer werden?“ fragte er.
Als wenn er es bestellt hat, fängt es zu allem Überfluss auch noch an zu schneien.
Connor sieht genervt nach oben: „Liebes Leben, das war eine rhetorische Frage und keine Herausforderung!“ krächzte er.
Connor hatte sich so auf ein harmonisches Weihnachtsfest gefreut, vor allem nach den ganzen Eskapaden in den letzten Monaten. Susan war im achten Monat schwanger als Sie alles rausbekam.
Nach nächtelangen Gesprächen und vielen Vorwürfen hatte Sie Ihm endlich verziehen – Dachte er!
Vielleicht hatte Sie ja auch allen Grund dazu, aber kann Frau sich nicht einmal daran halten wenn Sie sagt das Sie einem verzeiht. Scheiß Elefantengedächtnis!
„Na gut, irgendwie bin ich ja auch selbst Schuld an dem Theater", murmelt er.
Aber, dass er jetzt im Schnee, mit Hausschuhen, ohne Schlüssel und völlig geladen in der Gegend rumirrt, liegt nur an Susan und Ihren Aufstand wegen dem blöden, schiefsitzenden Weihnachtsstern.
Bei den Gedanken kocht Connor wieder! Er rauft sich die Haare und stampft mit den Füßen auf die glatte Straße, es ist einfach zu kompliziert mit Ihr.
Zähneknirschend und halb erfroren schlitterte er die lange „John Dillon Street“ entlang bis zum nächsten Pub. Entspannung!
Er war unter Gleichgesinnten. Er prostet rüber zum Barmann und fügt für alle hörbar hinzu: „Zu kompliziert!"

Liebe kann uns retten

 Da ist er, der lange Weg ins Nichts, denkt sich Mia. Mit kleinen Mäuseschritten bewegt sie sich auf das Ende des Stegs zu. Ihr Körper zittert, die Hände kribbeln und die Lippen fühlen sich rau und kalt an. Diese Stille um sie herum macht sie fast verrückt. Seit wann ist sie auf beiden Ohren taub? Das sie auf dem rechten Ohr nahezu kaum ein Wort versteht gehört mittlerweile zu ihrem Alltag, aber das linke Ohr hatte noch genug Hörleistung. Doch jetzt ist es, als würde ihr Körper langsam abschalten. Ihre Lippen lassen sich nicht mehr öffnen und jeder Schritt ist ein Kraftakt. Dann hat sie es geschafft, sie erkennt den Grund ihres nächtlichen Aufbruchs.

Neo steht vor ihr, die Hände fest um das Geländer gekrallt und träumt sich in eine bessere Welt.
"Ich kann es sehen Neo. Aber dreh dich zu mir, da siehst du Licht und Wärme. Du musst nicht allein nach dem Glück suchen. Ich bin hier und reiche dir meine Hand." Nervös streckt Mia ihren Arm aus und hält die offene Hand hin. Wird er sie greifen?

"Mia? Wirst du auch die dunklen Wege ohne Zweifel mit mir gehen?"
Sie muss nicht lang darüber nachdenken. Vorsichtig schmiegt sie sich an seinen Rücken, spürt den gebrochenen Mann hinter der oft stark gespielten Fassade und flüstert "Mit dir gehe ich jeden Weg, denn ich Liebe dich." Neos kalte Hand legt sich auf ihre. Zärtlich streichelt er mit dem Daumen über ihre glatte Haut und dreht sich zu ihr um.
Zärtlich hebt er ihr Kinn und lächelt sie an. "Und ich liebe dich Mia, für ewig". Mit einem innigen Kuss besiegelt er diese gewichtigen Worte. 

Verboten

 Alexander lehnt seinen Körper fest an Marie's Rücken. Seine Arme umschließen ihren zarten Körper, während er sein spitzes Kinn auf ihrer Schulter ablegt.
Marie hört seine ruhige Atmung und findet dabei selbst etwas zur Ruhe.
"Es wird alles gut!"
"Ich möchte da wirklich dran glauben Alex."
"Was hindert dich daran?"
Marie wirkt plötzlich kalt und zurückgezogen. Mit eiserner Miene dreht sie sich in seinen Armen um und schaut Alex eindringlich in seine tiefbraunen Augen.
"Du!"
Obwohl ihm ihre Antwort bereits klar war, traf sie ihn dennoch schwer.
"Warum kann nicht alles so bleiben wie bisher? Es kam doch niemand zu schaden."
Verärgert windet Marie sich aus seiner Umarmung und lässt einen verzweifelten Alex an dem bodenlangen Fenster zurück.
"Wie lange willst du das noch tun? Jetzt können wir noch die Reißleine ziehen, ohne größere Konsequenzen."
Entschlossen sammelt Marie ihre Klamotten vom Boden auf und lässt - vielleicht anrüchiger als nötig - das weiße Handtuch fallen.
In ihr steigt eine gefährliche Hitze auf, denn auch sie möchte diese leidenschaftliche Affäre eigentlich nicht beenden.
Keine Minute später spürt sie Alex' nackte Haut an ihrer und seine weichen Lippen, die begierig ihren Hals entlang küssen.
Vergebens versuchte die Vernunft sich zu wehren, denn auch wenn er ihr Chef ist, kann sie sich seiner Anziehungskraft einfach nicht entziehen.
Entschieden dreht sie sich zu ihm, nimmt sein Gesicht in ihre Hände und lächelt ihn frech an.
"Aber nur noch dieses eine Mal..." 

Mit allem rechnen, auch mit dem Guten

 "Nein!", rufe ich noch lauthals, als meine Kaffeetasse bereits in tausend kleine Scherben zerspringt.
"So fängt der Morgen ja schon ganz wunderbar an", murmel ich in meinen Bart.
Mit schweren Schritten stapfe ich ins Badezimmer und schau in ein zerknittertes, faltenreiches Gesicht.
"Da hilft nicht mal die Anti-Falten-Creme meiner Frau."
Gefrustet greife ich nach der Zahnpasta und versuche die aufsteigende Wut im Zaum zu halten. Sabrina hatte wieder vergessen die Tube zu schließen. Überall im Waschbecken liegen ihre ausgekämmten Haarbüschel und von den gebrauchten Ohrenstäbchen auf der Fensterbank will ich gar nicht anfangen.
Meine Augenbrauen ziehen sich zusammen und eine Zornesfalte prägt mein Gesicht.

Nachdem ich die Zähne geputzt und das halbe Bad aufgeräumt habe, begebe ich mich auf den Weg zur Arbeit.
Pfeifend, um die miese Laune zu vertreiben, schlendere ich zum Auto. Plötzlich merke ich eine nervöse Stimmung in mir.
"Wo ist mein Schlüssel?"
Hastig suche ich alle Taschen ab, krempel meinen kompletten Rucksack um und stoße schließlich erleichtert in der Innentasche auf meinen Schlüsselbund.
Ich bin spät dran und fahre zügiger als sonst. Nur noch wenige Minuten und ich bin da.
Ein Knall!
Wütend schlage ich mit den Handinnenflächen auf das Lenkrad und fluche die unanständigsten Schimpftiraden die es gibt.
"Kann der Tag eigentlich noch schlimmer werden?", denke ich.

Antriebslos steige ich aus und begutachte den Schaden. Alles eingedellt. Die Motorhaube des Unfallfahrers hat allerdings auch schon bessere Tage gesehen. Bedient hole ich die Versichertenkarte aus meinem Portemonnaie und blicke in zwei - mir sehr wohl bekannte - Augen.
"Christina?"
"Kay?"
Überrascht zieht sie mich in ihre Arme.
"Wie lange ist das her? Bestimmt schon zehn Jahre oder?"
"Ach was, wenn nicht gar zwölf", kichert sie.
Der Unfall ist Nebensache geworden, denn mit einem Mal stehe ich in einer mir fast vergessenen Zeit, direkt vor meiner damaligen besten Freundin und freue mich, dass mein Tag noch so eine schöne Wendung genommen hat. 

Theaterstück der Gefühle

Britta kuschelt sich eng an ihren Papa "Ich habe Angst", flüstert sie unter Tränen in sein T-Shirt.
Er krault liebevoll ihren Rücken und stößt ein leises Lächeln aus.
"Angst zu haben ist völlig in Ordnung, Liebes. Wir müssen nur aufpassen, dass die Angst nicht die Bilder in deinem Kopf steuert."
"Die Bilder in meinem Kopf steuert? Wie meinst du das?"
Brittas Papa grübelt wie er ihr das am besten erklären kann. Dann kommt ihm eine Idee.
"Deine Gedanken und Träume musst du dir wie ein großes Theaterstück vorstellen. Die Gefühle, die gerade die größte Aufmerksamkeit bekommen, die führen Regie. Wenn zum Beispiel die Freude überwiegt, dann hast du meistens tolle Erinnerungen, fantastische Ideen und letztendlich auch die schönsten Träume."
Das kleine Mädchen setzt sich aufrecht hin und lauscht gespannt Papas Worten.
"Erzähl mit mehr", freut sie sich.
"Wenn die Wut am Stärksten ist, dann siehst du in allem etwas zum aufregen. Manchmal denkt man dann, dass einen niemand versteht und bekommt starke Zweifel an sich und anderen. Oftmals hat man dann auch nicht so schöne Träume."
Papa tippt sich mit den Fingern aufs Kinn.
"Und wenn die Angst an der Macht ist, dann baut sie oft Mauern auf."
"Sind die Mauern hoch? Also, so hoch, dass ich nicht über sie springen kann?", fragt Britta erschrocken.
"Wenn man die Angst wüten lässt, dann kann es vorkommen, dass ein Weg über die Mauer sehr schwierig sein kann."
Britta schluckt schwer.
"Du brauchst keine Angst zu haben Schatz. Ich weiß was hilft."
Er drückt seine Tochter an sich und gibt ihr einen Kuss auf den Scheitel.
"Wenn die Angst dich bedrückt und ein komisches Gefühl im Bauch macht, dann kommst du zu Mama oder mir und wir reden darüber. Wir beschützen dich und finden gemeinsam immer einen Weg raus aus der Angst."
Sie fühlt sich sicher und geliebt. Drückt sich fest an ihren Papa und strahlt ihn glücklich an.
"Danke Papa!"

Wünsch dir was...

"Soll es wirklich so weitergehen?", grübelt Hannah. Nervös knabbert sie an ihren Fingernägeln und die Gedanken kreiseln wild in ihrem Kopf.
Glücklich ist sie schon lange nicht mehr. Der Job frisst sie auf. Überstunden, die sie nie im Leben abfeiern kann. Selbst wenn sie das tun wollte, hätte sie niemanden mit dem sie das umsetzen könnte. Mindestens zwei Kinder und eine glückliche Ehe, dass waren ihre Ziele. Doch für nichts hatte sie Zeit.
Hannah schließt die Augen und denkt bei sich: "Wenn ich nur einen Wunsch frei hätte..."

Die Nacht bricht herein und Hannah sucht einen Platz auf der grünen Wiese. Zwischen zwei Pärchen wird sie fündig und breitet die kuschelige Decke aus.
Bewaffnet mit einer Kanne Kaffee, ihrem Lieblingsgebäck und einer Kamera macht sie es sich gemütlich.
Fröhlich ertönen erste Stimmen um sie herum.
"Schau Lars, dort!"
"Melli siehst du das?"
"Los wünsch dir was Mara."

Hunderte Sternschnuppen regnen auf sie herab, der Anblick war atemberaubend.
Hannah durchzieht eine neue Energie, sie spürt eine Chance auf einen echten Neuanfang.
"Jetzt oder nie! Ich wünsche mir..."

Werde ich entkommen?

Die dürren Äste tanzen im leichten Wind. Von überall höre ich angsteinflößende Geräusche. Rechts schart ein Tier, links jault ein Hund - oder Wolf - völlig egal, denn beides macht mir Angst.
Mir ist kalt und das Klebeband schmerzt. Bei jeder hektischen Bewegung reißt es mehrere Härchen heraus.
Die ersten Panikanfälle habe ich hinter mir, meine stummen Schreie haben nichts gebracht. Lautlose Tränen rollen über meine Wange und ich verliere den letzten Funken an Hoffnung.
"Niemand wird dich finden!"
Svenja hat das Wort übernommen.
"Du kannst so lange weinen wie du willst, es lockt vielleicht wilde Tiere an, aber sicher keine Menschenseele."
Svenja ist gehässig. Schon immer wusste sie welche Knöpfe sie bei mir drücken muss.
"Gib auf!" Ihr giftiges Lachen schallt in meinem Ohr.
"Niemand, hörst du? Niemand..."
Sie unterbricht ihren Satz.
Was war das? Waren das Schritte? Das sind doch Gesprächsfetzen oder?
Voller Hoffnung schreie ich. Es sind dumpfe Töne, die wahrscheinlich kaum wahrgenommen werden. Ich kämpfe. Mein Körper wippt auf der trockenen Erde, reißt mir die Haut auf. Ich rieche das Blut, welches gefährlich meine Beine entlangläuft.
"Bitte rettet mich!", schreie ich wortlos.
Da! Sie halten an! Ich muss noch lauter schreien, muss mich bemerkbar machen. Ich schlage heftig meine Füße in den Boden. Mühsam versuche ich mich fortzubewegen. Wenige Millimeter sind geschafft, als ich den Wolf neben mir bemerke. Er knurrt mich ausgehungert an.
Ich breche innerlich zusammen, sehe mich als seine nächste Mahlzeit, als plötzlich meine Hände befreit werden.
Dankbar drehe ich mich um, will dem Retter meine Hände entgegenstrecken - doch ich zucke nur erschöpft und ängstlich zusammen. Er ist wieder da und wird mich weiter quälen...

Serienmörder

Ich höre die dumpfen Schläge gegen das Innere des Kofferraums. Wahrscheinlich wäre es doch besser gewesen, wenn ich ihr die Hände verbunden hätte.
Doch es war schon eine Überwindung ihren hübschen Mund mit Klebeband zu verschließen. Ein Genuss durchzog meine Glieder, als sie ihr Flehen durch die verweinten Augen ausdrückte. Ihr Leib zitterte vor Angst, was mein Blut erst so richtig in Wallung brachte. Langsam muss ich mir eingestehen, dass es mich doch anmacht, wenn die Frauen um ihr Leben betteln...

Wieso habe ich nie etwas gemerkt? Jahrelang war er mein Nachbar und hat sich all meine Sorgen angehört. Hat mich mit Eis verpflegt, während mich der Liebeskummer quälte. Er war liebevoll und stets umsorgt. Wie er seinen Kater beinahe den Knecht gab, nur damit Timo es immer gemütlich hatte. Es gab kaum jemanden - außer meiner Wenigkeit - der Timo das Wasser reichen konnte. Mein Freund der seit Monaten gesuchte Serienkiller? Das kann nicht sein.
Wieder trete und hämmer ich gegen die Verkleidung. Schreie stumm, dass er mich frei lassen soll... ich habe keine Zeit zu verlieren, ein Plan muss her...

Der Steinbruch ist mein Rückzugsort. Dort bewahre ich all meine Trophäen auf. Ein See voller bildschöner Frauen, die leider viel zu töricht waren. Mich einfach wegzustoßen, während ich mir stundenlang ihr Geheule anhörte. Mit mir hätten sie solche sinnlosen Probleme nicht gehabt, aber jetzt werdet ihr sehen was ihr davon habt.

Das Auto hält an. Ich stoße mit dem Kopf an den Kanister. Wo sind wir? Er öffnet den Kofferraum, dies ist meine Chance...

Reise in die Kindheit

"Als Susi noch ein Baby war, da macht sie immer so..."
Zwei Mädels spielen vergnügt das alte Kinderspiel. Sie klatschen in einer bestimmten Abfolge die Hände aneinander und synchronisieren die passenden Gesten. Ihr Gelächter lässt mein Herz aufblühen.
Schön diese Leichtigkeit. Ich träume mich in meine Kindheit. Die Welt sah irgendwie anders aus. Sie war gefüllt mit Spaß, Freundschaft und Neugierde. Es war eine Entdeckungsreise. Jede Ruine wollte entdeckt, jeder Blödsinn ausgetestet werden. Die einzigen Schmerzen waren die Blessuren an Knie und Ellenbogen. Der Wind wehte durchs Haar, als man die steilsten Berge mit Inlinern hinabfuhr. Der Nervenkitzel, als man sich nachts aus dem Haus schlich, um heimlich Freunde zu treffen und durchs Dorf zu schlendern. Das erste Mal im Laden um die Ecke unter Herzrasen etwas geklaut, nur um es wenige Stunden später reumütig zurückzubringen. Die erste heimliche Zigarette und der hysterische Hustenanfall, wenn man feststellte, dass paffen nicht gleich rauchen war. Das erste emotionale Tief - der erste Liebeskummer - die Welt brach zusammen, war es doch die Liebe fürs Leben. Die Freundinnen, die einen durchs Tal der Tränen begleiteten. Und dann der Ernst des Lebens. Ausbildung, sich selbst finden, Geld verdienen, organisieren, sparen, einkaufen, Versicherungen, Führerschein, Jobs wechseln, Erfahrungen sammeln, lieben, trennen etc.

Ich sitze auf der Bank, atme die warme Sommerluft ein und lächle glücklich.
Ja, ich liebe was ich erlebt habe. Es war emotional, explosiv, spannend, lustig, traurig, oft laut und manchmal sehr leise. Es gab Momente, da dachte man, es führt kein Weg heraus und am Ende gab es doch ein Happy End.
Wunderschön! Denn genau das, ist das Leben...

Willkommen Baby

Mein Bauch platzt gleich aus allen Nähten. Auch neun Monate später ist es kaum zu glauben, dass in mir ein neues Leben heranwächst. Zwei kleine Füße stampeln bereits kräftig gegen meine Bauchdecke und der kleine Kopf drückt mächtig nach unten. Das Laufen ähnelt eher dem Watscheln einer Ente und meine Pausen werden auch immer länger. Du hast dich einfach so in unser Leben eingeschmuggelt, weil wir ohne dich einfach niemals komplett gewesen wären. Mein Bauch spannt und ich spüre wieder diese Tritte, die mir jedes Mal ein gutes Gefühl geben, denn es zeigt, dass es dir gut geht. Nur in der Nacht könntest du etwas Ruhe geben. Das müssen die Gene deines Papas sein. 😉
Mein kleines Baby, ich liebe dich schon jetzt so unglaublich doll und bin dankbar für dieses Geschenk. Dankbar dafür, dass wir alle gesund sind und noch einmal diese Reise antreten werden. Da schlägt ein weiteres Herz in mir. Es ist surreal. Aber auch eins der größten Wunder dieser Welt.❤

Lächelst du, wenn du an mich denkst?

Er sitzt im Auto, beobachtet den Sonnenuntergang und hängt seinen Gedanken nach.
"Ob sie noch an mich denkt?"
Es war ein Abenteuer. Sie kannten sich nicht, stießen beim Abendessen zufällig zusammen. Ihr Lachen holte ihn sofort ab. Niemand hatte je so einen Eindruck bei ihm hinterlassen. Gemeinsam erkundeten sie die Insel, redeten bis in die Morgenstunden und genossen den ein oder anderen Sonnenaufgang aneinandergekuschelt am Strand. Der letzte Abend war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Traurig das er geht, doch dankbar, dass er so eine außergewöhnliche Zeit verbracht hatte.
Tausend Kilometer trennen die zwei nun wieder. Sehnsüchtig starrt er auf ihre Nummer. Er wollte nicht der erste sein der sich meldet, aber klar denken ist nicht mehr möglich. Er möchte es einfach wissen, also tippt er los.
"Lächelst du, wenn du an mich denkst?"

Brenn du Hexe

"Du sollst brennen!", schreit Fetscher.
Sie haben mich erwischt. In meiner Hütte kochte ein neues Elexir. Ich wollte eine Salbe für die Kinder meiner Freundin Mary herstellen. Sie sollte die wunden Stellen ihrer Haut heilen, doch stattdessen werde ich der Hexerei angeklagt. Wiederholt versuche ich ihnen klar zu machen, dass ich mich längst befreit hätte, wäre ich eine Hexe. Doch der Verstand reicht nicht aus, um diese simple Logik zu verstehen.. oder sie will nicht verstanden werden. Ich trauere meinem kurzen Leben nach. Sehne mich jetzt schon nach Billys Nähe und Kilas Lachen. Sie haben mein Dasein so unendlich bereichert.
Traurig lasse ich mich zum Scheiterhaufen ziehen. Meine Schuhspitzen schlürfen über den Waldboden. Hinter uns höre ich laute Schreie. Darunter meine weinende Tochter, die meine Peiniger lauthals verflucht. Leise bete ich für ihr Leben. Im nächsten Augenblick sehe ich nichts mehr, meine Hände werden fest mit einem Seil zugebunden und ich höre verschiedene Stimmen, die meine Verbrennung vor dem Volk rechtfertigen.
Es knistert. Rauch steigt mir in die Nase und meine Füße schmerzen unter dem heißen Feuer. Ich spüre es. Es geht zuende...

Neuanfang

Aus der Hölle getreten, mit ordentlich Umdrehungen im Kopf sitze ich auf Alexas Veranda und genieße die Stille.
Jahrelang habe ich mir die miesen Launen und Schreie von Chris angetan. Habe sie Wutausbrüche ertragen und die blauen Flecke weggelacht.
"Es ist vorbei", ertönt Alexas zarte Stimme. "Du bist frei."
Sie legt ihre Arme um meinen Nacken und küsst meinen Hinterkopf.
"Es fühlt sich so surreal an", sinniert ich.
"Wichtig ist nur, dass wir zwei uns real anfühlen Jana."
Sie hatte keinen Druck ausgeübt, dennoch fühlte ich mich genötigt endlich einen Schlussstrich zu ziehen. Ich wollte zu meinen Gefühlen für Alexa stehen, aber die Angst vor Ablehnung war groß. Als Chris dann aber gestern unter seinem Tobsuchtsanfall zuschlug, sah ich meine Chance. Schlimmer konnte es kaum werden.
Ich packte meine Sachen und gestand schreiend, dass ich Alexa liebe und zu ihr ziehe. Er sprach kein Wort und ich fuhr davon.
Endlich entkam ich dieser Hölle und darf einen echten Neuanfang wagen.

Erinnerungsstücke

Eine bunte Kiste steht auf dem Tisch. Fotos quillen bergeweise über den Rand. Babyaufnahmen, Familienfotos, Klassenfahrten, Bilder unserer Tiere und unsagbar viele aus meinen Jugendtagen.
Lachend versuchen wir nach Luft zu schnappen, Wörter werden nur noch quietschend unter Freudentränen hervorgepresst. Wir klatschen, weinen, grölen und erzählen die Geschichten hinter den Fotos.
"Oh Gott! Wie eklig ist das denn?", schreit Helena.
"Eine Traube wilder Mitdreißiger Frauen versammelt sich um ihren Stuhl.
"Iiihhhh Claudia!", stöhnt es von allen Seiten.
"Was ist denn?", frage ich verwundert.
Helena hebt das Bild hoch und ich sehe mein zartes Gesicht als sechzehnjährige, die Zunge weit nach draußen gestreckt, das Haar kurz, blond und wild durcheinander. Im Schlabberlook hocke ich auf einem Stuhl und halte eine Tasse Cappuccino in der Hand. Was eklig an dem Bild war?
Meine Augenlider waren von innen nach außen gedreht und verdeckten mein Auge zur Hälfte. "Den Anblick konnte kein Mädchen ertragen", lache ich laut auf und reiße das Bild an mich.
"Das kommt auf keinen Fall in die Hochzeitszeitung." Schnell packe ich es sicher verwahrt in meine Arschtasche.
Dann fällt Lisbeth eines meiner ersten Bilder aus der Beziehung mit meinem jetzigen Freund in die Hände. Inmitten eines chaotischen Zimmers glänze ich in einem waschechten indischen Sari.
Ich lächel und fange an über die verschiedenen Auslandsreisen und die einmaligen Geschenke zu erzählen. Es wird eine lange Nacht werden.
Und die Reise beginnt...